04. März 2026

Gold – ein barbarisches Relikt?

Gold braucht Zivilisation, um in der Barbarei zu schützen
Coclé-Kultur (Panama), Scheibe aus Gold. Menschliches Gesicht mit Jaguar-Fang­zähnen, 700-1000 AD, Brooklyn Museum

Mit Gold könne man nichts falsch machen und sei gegen finanzielle wie politische Krisen bestens gewappnet, so lautet die gängige Ansicht. Fünf bis zehn Prozent des Vermögens solle man in Gold halten, am besten physisch. Dafür gebe es gute Argumente. Gold begleitet die Menschheit seit frühesten Zeiten. Im Laufe der Geschichte haben sich jedoch auch Mythen eingeschlichen. Was ist empirisch nachvollziehbar, was ist Aberglaube? Einige einfache Beobachtungen und allgemeine Überlegungen bringen Klarheit.

 

 

Mythos Nr. 1: Gold ist der Wertspeicher

In unserer unsteten Welt symbolisieren Ringe aus Gold den Ewigkeitsanspruch von Versprechen. Gold gilt als der zeitlose Wertspeicher. Nach Berechnungen soll es über Jahrtausende hinweg seine Kaufkraft bewahrt haben. Gold „arbeitet“ jedoch nicht. Abgesehen von begrenztem industriellen, medizinischen und künstlerischen Nutzen ist es ein passiver Vermögensgegenstand. Während die Kaufkraft von Gold langfristig stabil geblieben sein mag, ist die Kaufkraft produktiver Vermögenswerte deutlich gestiegen. Der inflationsbereinigte Wertzuwachs amerikanischer Standardaktien liegt seit 1970 im Durchschnitt deutlich über dem von Gold.

 

Weit verbreitet ist zudem der Glaube, der Goldpreis folge objektiven Kriterien. Anders als bei Aktien oder Anleihen existieren jedoch keine Unternehmensdaten oder Ertragskennzahlen, die eine klassische Fundamentalanalyse erlauben. Viele Marktteilnehmer orientieren sich daher am Verhalten anderer. Die Begründungen folgen oft dem Kursverlauf, nicht umgekehrt. Steigt der Preis, dominieren Argumente für weitere Anstiege. Fällt er, überwiegen skeptische Deutungen. Der Wert von Gold ist das, was die Mehrheit der Anleger ihm aktuell zuschreibt. Für einen vermeintlich objektiven Wertspeicher ist das eine bemerkenswert subjektive Grundlage.

 

Der geopolitische Bezug ist allerdings real. In Geld gemessen reagiert Gold auf Sanktionen und finanzielle Repressalien, die häufig über den US-Dollar durchgesetzt werden. Wer befürchtet, vom Dollarraum ausgeschlossen zu werden, sucht Zuflucht im Gold. Das war 1979 nicht anders als heute. Für Zentralbanken ist Gold das einzige Vermögensgut, das nicht von der Infrastruktur eines anderen Staates abhängt. Die Anleger folgen solchen Umschichtungen und verstärken die Preisbewegungen. Weil Geopolitik sprunghaft verläuft, schwankt auch der in Geld gemessene Goldpreis erheblich.

 

 

Mythos Nr. 2: Ohne Gold kein richtiges Geld

Viele misstrauen Fiat-Geld und halten nur goldgedecktes Geld für verlässlich. Historisch war Gold als Zahlungsmittel jedoch unpraktikabel. Die Einführung von Papiergeld wurde gerne akzeptiert, zudem weil es zunächst durch Gold gedeckt oder einlösbar galt. Erst später löste sich unter politischem Druck das Papiergeld vollständig vom Gold.

 

Dieser historische Prozess wird häufig als moralischer Verfall gedeutet. Dabei wird übersehen, dass auch eine goldgedeckte Währung nur dann funktioniert, wenn das Gold institutionell eingebettet, standardisiert und kontrolliert ist. Die Institutionen, die Gold verlässlich machen, sichern in gleicher Weise die Stabilität von Geld. Wo also Rechtssicherheit, Vertrauen und Durchsetzbarkeit bestehen, da kann Geld auch ohne Goldbindung stabil sein. Der Goldanker klingt theoretisch überzeugend, liefert praktisch jedoch weniger Mehrwert als angenommen.

 

John Maynard Keynes bezeichnete 1923 den Goldstandard als veraltetes und unflexibles Währungssystem. Gold behindere eine sinnvolle Steuerung moderner Volkswirtschaften. Sein berühmtes Urteil, in truth, the gold standard is already a barbarous relic, war zugespitzt, aber nicht unbegründet.

 

 

Zwischenfazit

Die ersten beiden Mythen verschmelzen zu einem populären Narrativ. Gold steige zwangsläufig im Wert, weil es objektiv auf den Verfall von Fiat-Währungen reagiere. Diese Sicht unterschätzt sowohl die geopolitische Dynamik als auch die Subjektivität des Goldpreises. Ändern sich die Strategien weniger dominanter Akteure, was in der Politik rasch geschehen kann, kann sich der in Geld gemessene Goldpreis ebenso rasch halbieren.

 

Zweifellos erfüllt Gold in schwach entwickelten Finanzinfrastrukturen eine Funktion. In Hyperinflationen oder bei staatlichem Zusammenbruch kann es als Rücklage, Sicherungsmittel oder Zahlungsmittel dienen. Bietet das „barbarische Relikt“ zumindest in barbarischen Zeiten einen umfassenden Schutz?

 

 

Mythos Nr. 3: Gold als universeller Schutz

Mit Gold verbindet sich seit jeher die Vorstellung von persönlichem und magischem Schutz. Weltweit glaubte man, mit Gold Schutztruppen anwerben, Bündnisse sichern oder mit goldenen Kultgegenständen sogar übernatürliche Gunst erwerben zu können. Ebenso alt ist die Hoffnung, mit Gold religiöse Autorität und politische Macht zu erlangen. Die Geschichte scheint jedoch anderes zu lehren.

 

Schutzgelderpressung, Tribute, Plünderungen und Versklavung begleiteten Gold über Jahrhunderte hinweg. Die Gier nach Gold hat unermessliches Leid verursacht. Bisweilen wirkt es, als sei Gold von einem Fluch begleitet. König Midas und König Krösus stehen sinnbildlich für die Erkenntnis, dass Gold nicht vor Unglück schützt. Der letzte Inka und der letzte persische Großkönig lockten mit ihrem Gold erbarmungslose Eroberer an. Dem römischen Feldherrn Crassus, dem wohl reichsten Mann seiner Zeit, wurde der Legende nach flüssiges Gold in die Kehle gegossen, um seinen Reichtum zu verspotten, der ihn in der Niederlage weder schützen noch retten konnte. Auch moderne Machthaber mussten erfahren, dass große Goldbestände politischen Sturz eher begünstigen als verhindern. Selbst erklärte Gegner Amerikas fliehen am Ende nicht mit Koffern voller Gold, sondern mit Paletten von US-Dollar. Wenn Gold die Mächtigen nicht schützt, wie verhält es sich dann bei Privatpersonen?

 

In zentralamerikanischen Kulturen glaubte man, Menschen könnten durch Gold die machtvollen Eigenschaften wilder Tiere annehmen. In Krisenzeiten zeigt sich jedoch diese Verwandlung nicht als eine mythische, sondern als eine sehr reale. Unter Bedingungen von Knappheit und Angst kann Gold auch besonnene Menschen enthemmen und sie ihren Mitmenschen gegenüber wie Raubtiere erscheinen lassen. Gerade dann, wenn es darauf ankommt, erweist sich der eigene Goldhort eher als Risiko denn als Schutz. Historische Beispiele aus der Völkerwanderungszeit oder der Epoche der Wikinger belegen dies eindrücklich. Wenn Gold ausgerechnet in Krisenzeiten zur Gefährdung der eigenen Sicherheit beiträgt, lässt sich kaum behaupten, dass sein bloßer Besitz verlässlichen Schutz bietet. Kann Gold dennoch eine Schutzwirkung entfalten?

 

 

Gibt es Wege aus der Barbarei?

Die politische Philosophie weist seit dem Zeitalter der religiösen Bürgerkriege darauf hin, dass von Mitmenschen das Schlimmste zu erwarten ist, wenn Eigentum von hohem Wert leicht den Besitzer wechseln kann. Konflikte sind dann vorprogrammiert. Für ein friedliches und angstfreies Zusammenleben bedarf es funktionierender Rechtsordnung, öffentlicher Sicherheit und bürgerlicher Erwerbschancen, um potenziell destruktive Anreize in sozial verträgliches Verhalten umzulenken. Wie bereits dargestellt, kann Geld ohne Goldanker stabil funktionieren, sofern allgemeine Standards verlässlich gelten. Dieser Gedanke wiederholt sich hier. Wo Recht und Ordnung zuverlässig durchgesetzt werden und wo sich Raub nicht lohnt, bedarf es keines Goldes als Schutz vor sozialen Unwägbarkeiten. Darin liegt der Schlüssel.

 

Gold ist nützlich, wenn es in zivilisatorisch gefestigten Schutzräumen gesichert ist, die auch in Zeiten politischer Erschütterung Bestand haben. Einige Münzen oder kleine Barren mögen im privaten Umfeld verborgen werden können. Substanzielle Bestände müssen jedoch auch aus der Distanz zugänglich bleiben. Wohin es einen im Krisenfall verschlägt, entzieht sich jeder Planung. Gold, das dann nicht erreichbar ist, erfüllt seinen Zweck nicht. Es ist nutzlos, wenn es an dem Ort liegt, von dem man im Notfall wegflüchten möchte. Im Ernstfall muss es auch von anderen Kontinenten aus zugänglich sein. Weder ein heimisches Versteck noch ein lokales Bankschließfach genügen diesen Anforderungen. Mit Gold zu handeln, ist in echten Krisenzeiten alles andere als einfach. Nur der unmittelbare Zugang zu den widerstandsfähigsten Handelsplätzen verspricht angemessene Kurse. Wer sein Gold mit sich führt, macht sich vom Zufall abhängig, auf welche bewaffneten Kräfte er trifft, die es ihm wieder abnehmen. Nicht überall kann man auf jenes menschliche Augenmaß hoffen, das Schweizer Grenzbeamte Ende der 1930er Jahre walten ließen.

 

Gold ist in zivilisierten Zeiten ein barbarisches Relikt. In barbarischen Zeiten kann es eine Rolle spielen, sofern es in hochentwickelte, zugängliche und widerstandsfähige Finanzinfrastrukturen eingebettet ist. Gold bietet keinen automatischen Schutz. Am geopolitisch richtigen Ort und im richtigen institutionellen Rahmen kann es jedoch ein Instrument sein, um Handlungsfähigkeit auch unter barbarischen Bedingungen zu bewahren.

 

 

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